Tausend Jahre Klostergeschichte, eine Königsmörder-Legende, ein eiszeitlicher See – und eine Musikgeschichte, die von Wilhelm Backhaus bis Pink Floyd reicht. Ein umfassendes, quellenbelegtes Porträt.
Eintauchen ↓Ossiach ist eine kleine Gemeinde am Südufer des Ossiacher Sees im Bezirk Feldkirchen in Kärnten, etwa auf halbem Weg zwischen Villach und Feldkirchen. Sie zählt 718 Einwohner (Stand 1. Jänner 2026) auf 17,34 km² und gliedert sich in die Ortschaften Alt-Ossiach (262), Ossiach (113), Ostriach (163), Rappitsch (174), Tauern (6) und das unbewohnte Untertauern.[1] Bürgermeister ist seit 2020 Gernot Prinz (FPÖ).[1]
Obwohl der Ort winzig ist, kennt ihn fast jeder Österreich-Besucher: Der Grund dafür liegt direkt am Ufer – das Stift Ossiach, das älteste Benediktinerstift Kärntens, und das dort beheimatete Musikfestival Carinthischer Sommer.
Der Ossiacher See selbst ist mit rund 10,8 km² der drittgrößte See Kärntens. Er liegt nordöstlich von Villach, eingebettet zwischen den bewaldeten Steilhängen der Gerlitzen Alpe im Norden und den westlichen Ausläufern der Ossiacher Tauern im Süden.[2][4] An der schmalsten Stelle zwischen Bodensdorf und Ossiach ist er nur etwa 600 Meter breit.[2]
| Steckbrief Ossiacher See | |
|---|---|
| Fläche | 10,79 km² |
| Länge / Breite | 10,38 km / max. 1,54 km |
| Maximale Tiefe | 52,6 m (mittlere Tiefe 19,6 m) |
| Volumen | rund 206 Millionen m³ |
| Uferumfang | ca. 25 km |
| Seehöhe | 501 m ü. A. |
| Hauptzufluss / Abfluss | Tiebel / Seebach zur Drau |
| Sichttiefe (Seenbericht 2025) | 6 m |
Daten: Kärntner Institut für Seenforschung, Wikipedia und ORF Kärnten.[2][4][6]
Der Name hat nichts – wie oft angenommen – mit dem Stiftsgründer zu tun: „Ossiach“ leitet sich von der slowenischen Bezeichnung osoje ab, „die von der Schattseite“ – passend zur Lage des Ortes am schattigen Südrand des Sees. Noch heute heißt die Gemeinde slowenisch Osoje, der Ortsteil Ostriach Óstrije.[1][3]
Die erste schriftliche Spur der Region führt ins Jahr 878: Damals schenkte König Karlmann den Königshof Treffen, der das Gebiet rund um den See umfasste, dem Kloster Ötting. Lange Zeit wurde diese Urkunde fälschlich auf das Kloster Ossiach bezogen – man wollte im König gar den Stiftsgründer sehen; Ausgrabungen deuten aber tatsächlich darauf hin, dass am Stiftsplatz bereits vor der Ansiedlung der Benediktiner eine Kirche stand.[3] Ende des 10. Jahrhunderts kam der Hof Treffen an den Bischof von Passau und später an Kaiser Heinrich II., der ihn an den Grafen Ozi übertrug.[3]
Über die Entstehung des Klosters ist wenig überliefert, da keine Gründungsurkunden existieren. Die Gründung erfolgte kurz vor 1028 durch den bayerischen Adeligen Grafen Ozi I. und seine Gemahlin Glismod (quellenabhängig auch Irenburg genannt); die ersten Mönche sollen aus dem bayerischen Kloster Niederaltaich gekommen sein.[3] Bis zur Aufhebung 1783 sind 65 Äbte in der Ordenschronik verzeichnet.[1]
Gründung durch Ozi I. und Glismod als Familienkloster nach Eigenkirchenrecht; erster urkundlich belegter Abt ist Wolfram, ein Mönch aus Niederaltaich. Die Stiftskirche geht auf eine romanische Pfeilerbasilika um das Jahr 1000 zurück und gilt als älteste Benediktinerklosterkirche Kärntens.[1][3]
Ozis Sohn Poppo, Patriarch von Aquileja, stellt das Kloster unter den Einfluss seines Patriarchats – von Kaiser Konrad II. bestätigt. Diese Stellung als Eigenkloster Aquilejas bleibt bis ins 13. Jahrhundert aufrecht.[3]
Die Vogtei über das Stift bleibt in der Stifterfamilie, geht dann über die Steiermark an die Babenberger (1192) und schließlich an die Habsburger (1282) über.[3]
Das Stift baut seinen Grundbesitz aus (Ossiacher See, Feldkirchen, Rosental, Wallersberg, Jauntal, Amt Lienz, Käufe im Lungau). 1267 verleiht der Patriarch von Aquileja den Äbten den Titel „Erzpriester des Rosentals“; um 1280 enden die Ansprüche Aquilejas, das Stift wendet sich Salzburg zu.[3]
Unter Abt Werner beginnt die jahrhundertelange Tradition als Wunderheilstätte: Mit drei Kristallkugeln, die er der Überlieferung nach von der Gottesmutter erhalten hatte, wurden Kranke durch „Brennen“ geheilt. Selbst Paracelsus und Valvasor erwähnen die Kugeln; die kleinste liegt heute im Diözesanmuseum Klagenfurt.[3]
Zur Zeit der Türkeneinfälle wird das Stift mit einer Wehrmauer samt Türmen und Schießscharten umgeben. Der Legende nach wurde eine Gruppe Mönche außerhalb der Mauern getötet; an der Stelle entstand die Wallfahrtskirche Heiligengestade (1891 gesprengt, ihr Flügelaltar steht heute in der Deutschordenskirche Friesach). 1478 verwüsten die Türken die Ossiacher Besitzungen im Rosental.[3]
Großbrand: Kloster und Kirche werden praktisch vollständig zerstört; ein Frauenkonvent wird aufgelöst. Abt Daniel Krachenberger beginnt den spätgotischen Wiederaufbau und erwirbt Schloss Tiffen.[3]
Weihe von fünf Altären durch Bischof Erhard von Lavant; Abt Erasmus Töttrer stiftet den spätgotischen Flügelaltar aus einer Villacher Werkstatt – damals Hauptaltar, heute in der Taufkapelle und eines der bedeutendsten Werke der Kärntner Schnitzkunst.[3]
Durch die Kriegssteuern König Ferdinands verliert Ossiach ein Viertel seines Besitzes.[3]
Abt Andreas Hasenberger führt das Kloster zu einem Höhepunkt: neue Prälatur, die Pfarre Tiffen wird unterstellt – und am See entsteht eine kleine venezianische Flottille mit dem Prunkschiff Bucentaurus. Nach der Stiftschronik war Kaiser Karl V. im Sommer 1552 häufig Gast auf diesem Schiff und im Kloster.[3]
Die Stiftsschule wird urkundlich fassbar; der Gelehrte Wolfgang Lazius berichtet, Bücher und Archive würden wegen der unsicheren Zeiten in unterirdischen Höhlen verwahrt.[3]
Die Brüder Gröblacher wirtschaften das Stift in die Schuldenfalle (Verlust des Amtes Lienz, Verpfändungen). Abt Zacharias Gröblacher verfasst immerhin die Annales Ossiacenses – eine Klostergeschichte, die bis zur Aufhebung fortgeschrieben wurde – und das farbig illustrierte Ossiacher Äbtebuch.[3]
Die von außen berufenen Äbte bringen die Wende: Caspar Rainer gewinnt die verpfändeten Güter zurück und verlegt die Grabtumba des Gründers Ozi in die Krypta; Georg Wilhelm Schweitzer erwirbt den Ossiacher Hof in Klagenfurt und Schloss Prägrad und erbaut den heute noch erhaltenen Westtrakt mit den Prälatenräumen.[3]
Abt Christoph Caponig erwirbt Schloss Wernberg samt Grundbesitz, Fischereirecht und Landgericht; die meisten Mönche übersiedeln dorthin, nur eine kleine Gruppe hält in Ossiach Seelsorge und Schule aufrecht.[3]
Abt Edmund Ibelbacher – zweimal Visitator der Salzburger Benediktinerkongregation und damit Rektor der Universität Salzburg – lässt Hochaltar, Kanzel und die bis heute erhaltene Chororgel von 1680 (Werkstatt Franz Knoller, Villach) errichten. 1689 feiert das Stift sein (fiktives) tausendjähriges Bestehen.[3]
Abt Virgilius Gleißenberger, ein bedeutender Barockdichter, besingt in lateinischen Hexametern sogar den Kärntner Sterz; unter ihm wächst die Stiftsbibliothek auf über 3.000 Bände.[3]
Abt Hermann Ludinger gibt Stift und Kirche das heutige Gesicht: Barockisierung mit Stuck der Wessobrunner Schule und Fresken von Josef Ferdinand Fromiller – Hauptwerk: das über zwei Joche reichende Gewölbebild der Himmelfahrt Mariens.[1][3]
Kaiser Joseph II. befiehlt die Aufhebung des Stiftes. Archiv und Bibliothek werden weggeschafft (viele Bücher an die Studienbibliothek Klagenfurt, viele verloren), der Besitz aufgeteilt: Tauern verstaatlicht, Wernberg an den Kreishauptmann von Villach, der Rest zugunsten des Religionsfonds verkauft. Der Pfarre bleiben Kirche, Pfarrwald und wenige Grundstücke.[3]
Der Komplex geht ans Militär und wird Pferdegestüt: 1816 wird der Kreuzgang abgerissen (das Material steckt in den Stallungen), der Kirchenzugang vermauert, der Marienbrunnen entfernt – die Marienstatue kehrt erst 1916 in den Hof zurück.[3]
Dragoner-Kaserne (1872–1879), dann Staatshengstenposten (1884–1915); 1915 Ross-Spital, nach dem Krieg plündern italienische Truppen die Gebäude.[3]
Hengstenstallamt; 1924–1927 pachten Augustiner-Chorherren aus Neustift (Südtirol) einen Teil – die Wiederansiedlung scheitert. Ab 1938 Deutscher Reichsforst; im Krieg Siechenhaus, Wehrertüchtigungslager, Fliegererholungsheim und Kriegsgefangenenquartier, danach britische Besatzung.[3]
Die Österreichischen Bundesforste übernehmen das Stift und sanieren Kirche und Gebäude über Jahrzehnte; 1948 wird der einsturzgefährdete Vierungsturm gesichert, 1974/75 das vermauerte romanische Westportal wieder geöffnet; im Haupttrakt entsteht ein Hotel.[3]
Gründung des Carinthischen Sommers – Stiftskirche, Barock- und Rittersaal werden Festivalspielstätten. 1996 geht das Stift ins Eigentum des Landes Kärnten über, 2006–2009 wird es revitalisiert und zum Musik- und Veranstaltungszentrum ausgebaut. Heute ist es Sitz der Carinthischen Musikakademie (CMA) – der einzigen Musikakademie Österreichs.[3][7]
An einem stürmischen Herbstabend – die Sagen nennen die Jahre um 1080, 1081 oder 1090 – pochte ein Pilger an die Pforte des Klosters zu Ossiach und bat in der Zeichensprache eines Stummen um Einlass. Abt Teucho willigte zögernd ein und setzte den Fremden als Knecht ein.[19][20]
Neun Jahre lang diente er geduldig und bescheiden – erst auf dem Sterbebett löste er seine Zunge und enthüllte: Er sei Bolesław II., König von Polen, der den heiligen Bischof Stanislaus von Krakau eigenhändig am Altar erschlagen hatte, daraufhin aus dem Land gejagt worden war und auf dem Bußweg nach Rom in Ossiach strandete. Zum Beweis übergab er dem Abt seinen königlichen Siegelring.[19][21]
Historisch ist die Geschichte höchst zweifelhaft, aber das Kloster lebte sie: Die Mönche ehrten den „stummen Büßer“ fortan, indem sie Taubstumme in ihre Obhut nahmen und in Zeichensprache unterrichteten.[19] Die Grabplatte in der Stiftskirche trägt die lakonische Inschrift:
Kurios: Das Grabmal ziert ein römerzeitliches Relief eines gesattelten Pferdes, das erst im 16. Jahrhundert dafür adaptiert wurde. Kaiser Franz Joseph I. legte 1856 einen Kranz am Grab nieder, das Kronland Galizien stiftete 1905 Glasfenster für die Kirche, und noch 1945 errichteten polnische Soldaten einen Gedenkstein – die Verehrung durch polnische Pilger hält bis heute an.[3]
Das Seebecken ist eiszeitlichen Ursprungs: Es liegt eingesenkt in altkristallinen Gesteinsmassen, die teilweise von glazialen Schottern bedeckt sind – geformt von den Gletschern der letzten Eiszeiten.[4][5] Auffällig ist die Zweiteilung: Eine Schwelle in 10 m Tiefe trennt das flache östliche Becken (3,9 km², nur 11 m tief) vom großen westlichen Becken (6,9 km², über 52 m tief).[4]
Die Ostbucht des Sees ist längst verlandet und wird heute vom Bleistätter Moor eingenommen, das vom Hauptzufluss Tiebel durchströmt wird; abfließen tut der See über den Villacher Seebach in die Drau.[2] Limnologisch ist der See holomiktisch – er wird im Frühjahr und Spätherbst bis zum Grund durchmischt; die theoretische Wassererneuerungszeit beträgt 1,8 Jahre. Bemerkenswert: Die limnologische Entwicklung wird bereits seit 1931 wissenschaftlich beobachtet.[4]
Schon zur Römerzeit gab es regen Überfuhrverkehr mit Ruder- und Segelbooten; Fischer waren seit jeher auf dem See unterwegs.[12] Das Mittelalter brachte dem See mit dem Stift ein kirchliches und kulturelles Zentrum – die Mönche betrieben rund um den See sogar Weinbau.[2]
Eine prächtige Episode stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts: Abt Andreas Hasenberger ließ sich um 1550 von venezianischen Zimmerleuten eine kleine Flottille bauen, darunter ein Prunkschiff namens Bucentaurus nach dem Vorbild des Dogenstaatsschiffs von Venedig – der Chronik nach soll damit sogar Kaiser Karl V. gefahren sein.[3][11][12]
Mit der Eröffnung der Kronprinz-Rudolf-Bahn 1868 kamen die ersten Sommerfrischler; 1886 erwarb der Hotelier Alois Ronacher den kleinen Schraubendampfer Josef für 20 Personen, der Gäste von der Bahnstation zum Hotel Annenheim brachte.[12] 1904 gründete sich die „Ossiacher-Dampfschifffahrts-Unternehmung“, die am 2. Juli 1905 den in Linz gebauten Dampfer Landskron (150 Personen) feierlich in Dienst stellte – doch schon 1915 wurde das Schiff in Sattendorf zerlegt und per Bahn nach Ungarn gebracht, angeblich an den Plattensee.[12]
1927 startete die „Ossiacher Motorschifffahrt“ mit den baugleichen Motorbooten Villach und Landskron II, ehe Weltwirtschaftskrise und die deutsche „Tausend-Mark-Sperre“ von 1933 den Verkehr zum Erliegen brachten.[12]
Von Juli 1929 bis Kriegsbeginn landete das Flugboot „Nelly“ mit Heimathafen Pörtschach auf Rundflügen am Ossiacher See. Und 1945 beschlagnahmte die britische Besatzungsmacht die Landskron II – unter anderem für Entenjagden und Vergnügungsfahrten der Soldaten; erst 1951 kehrte sie in den Linienverkehr zurück.[12]
Erwähnenswert auch der Ruderüberfuhr-Führer Mathias „Jodl“ Gutschier, der ab 1904 Fahrgäste zwischen Alt-Ossiach und Steindorf übersetzte – bis zu seinem Tod 1936; ein Campingplatz bei Ossiach trägt ihm zu Ehren bis heute seinen Namen.[12]
1956 gründeten Vater und Sohn Josef und Ernst Nageler die Schifffahrt Nageler und prägten den Verkehr fast siebzig Jahre lang; 1970 erhielt Kärnten mit der Villach II sein erstes Schiff mit Schottelantrieb, 1989 kam die 32 m lange MS Ossiach mit 280 Plätzen in Betrieb.[12] Zur Saison 2026 hat die Gerlitzen Bergbahnen-Gruppe die Schifffahrt übernommen; die Flotte besteht aus der MS Ossiach und der MS Gerlitze (Baujahr 1984, 240 Plätze, mit Panoramadach) – und die Schifffahrt ist nach eigenen Angaben der einzige Ausbildungsbetrieb für Kapitäne der Binnenschifffahrt in Österreich.[17][18]
Wie viele Kärntner Seen „kippte“ auch der Ossiacher See im Zuge der touristischen und landwirtschaftlichen Entwicklung: Den Höhepunkt der Eutrophierung erreichte er Anfang der 1970er-Jahre.[14] Die Gegenmaßnahme war wegweisend: Ab 1970 wurde eine Ringkanalisation gebaut, die die Abwässer der Ufergemeinden sammelte, über im See verlegte Druckleitungen ableitete und zur Kläranlage Villach führte – fertiggestellt im unmittelbaren Seebereich 1980.[14] Das Ergebnis: Die großen Kärntner Badeseen weisen heute eine „sehr gute bis gute“ Wasserqualität auf; der Ossiacher See kommt im Seenbericht 2025 auf eine Sichttiefe von sechs Metern.[6]
Das Moor östlich des Sees war mit rund 600–650 Hektar einst eines der größten Moorgebiete Kärntens. In den Hungerjahren der 1930er wurde es trockengelegt; Pumpen hielten es jahrzehntelang trocken, und über die Tiebel gelangten Dünge- und Pflanzenschutzmittel ungefiltert in den See – in den 1990ern führte das im Ostbecken zu wiederkehrenden Algenfladen (Oscillatoria princeps), die der Wasserqualität und dem Sommertourismus zusetzten.[14][15]
Nach rund zwanzig Jahren Verhandlungen und der Ablöse von 28 Landwirten wurden ab 2016 im Mündungsbereich der Tiebel 75 Hektar wieder geflutet; die entstandenen Absetzbecken wirken heute als natürliche Filter. Die Gesamtkosten von 10,44 Millionen Euro trugen Bund (5,9 Mio.), Land Kärnten (4,37 Mio.), der Wasserverband Ossiacher See und die Gemeinde Steindorf.[14][15]
Heute gilt das Projekt als europaweit anerkanntes Vorzeigebeispiel für die Zusammenarbeit von Landwirtschaft, Naturschutz, Wissenschaft und Tourismus. Im Europaschutzgebiet Tiebelmündung (Natura 2000) wurden inzwischen über 240 Vogelarten gezählt – das vogelreichste Gebiet Kärntens –, erschlossen durch den „Slow Trail“ mit Beobachtungstürmen.[14][22]
Die moderne Musikgeschichte Ossiachs beginnt mit Pfarrer Jakob Stingl, der seit den frühen 1960er-Jahren Orgelkonzerte in der Stiftskirche veranstaltete.[8] Parallel dazu hatte der geniale, exzentrische Pianist Friedrich Gulda 1968 das Internationale Musikforum Ossiachersee ins Leben gerufen – ein Avantgarde-Festival mit Jam Sessions, bei dem weder Honorare gezahlt noch Eintritt verlangt wurden.[8] Nach Konflikten mit der Pfarre gründete Stingl gemeinsam mit Helmut Wobisch, dem damaligen Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker, 1969 den Carinthischen Sommer.[1][7]
Die Eröffnung am 25. Juni 1969 ist Legende: Der 85-jährige Klaviergigant Wilhelm Backhaus gab das Eröffnungskonzert – und verzichtete zur Finanzierung einer neuen Kirchenorgel auf seine Gage. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt; wenige Tage später starb er in Villach. Die Orgel wurde 1971 als „Wilhelm-Backhaus-Gedächtnisorgel“ eingeweiht und ist ihm bis heute gewidmet.[8] Die erste Saison finanzierte übrigens die Pfarre Ossiach – und schloss mit einem Verlust von exakt 687.487,35 Schilling, doch der Zuspruch von Presse und Publikum motivierte die Macher weiterzumachen.[8]
Das schrillste Kapitel schrieb Guldas Musikforum: Pink Floyd spielten im Stiftshof ihr allererstes Österreich-Konzert. Die Band rückte mit zwei Sattelschleppern an und ließ ihre Rock-Symphonie Atom Heart Mother mit 60-köpfigem Chor und Bläsern erschallen; bei einer kolportierten Gage von 200.000 bis 300.000 Schilling war es das teuerste Konzert, das Kärnten bis dahin gesehen hatte. Gulda selbst spielte im ersten Teil des Abends ein Mozart-Klavierkonzert.[9][10]
Tausende junge Menschen pilgerten ins idyllische Dorf und übernachteten im Freien – die Kleine Zeitung titelte „Hippieüberflutung in Ossiach wird diskutiert“, Zeitzeugen sprachen später von einem „Mini-Woodstock“. Auch Tangerine Dream, Weather Report und Dollar Brand holte Gulda an den See. Das Musikforum zog 1973 nach Viktring um; das Ossiacher Konzert von 1971 blieb Kult – 2016 veröffentlichten Pink Floyd im Box-Set The Early Years erstmals offizielles Material davon.[9][10]
Der Carinthische Sommer hingegen wurde zum Dauerbrenner: Seit 1972 spielt er auch in Villach, seit 2003 an weiteren Spielorten in ganz Kärnten.[7] 1977 fand hier das erste europäische Leonard-Bernstein-Festival statt – mit der Uraufführung der revidierten Fassung seiner 3. Sinfonie Kaddish unter Leitung des Komponisten.[7] Markenzeichen ist die „Ossiacher Kirchenoper“, begonnen 1975 mit der österreichischen Erstaufführung von Benjamin Brittens Der verlorene Sohn; seither wurden zahlreiche sakrale Musiktheaterwerke im Auftrag des Festivals uraufgeführt.[7]
Die Gästeliste liest sich wie ein Who's Who der Klassikwelt: Rostropowitsch, Bernstein, Christa Ludwig, Rudolf Buchbinder, Gottfried von Einem und viele mehr.[7] Intendanten waren Helmuth Wobisch (1969–1979), Gerda Fröhlich (1980–2003), Thomas Daniel Schlee (2004–2015) und Holger Bleck (2016–2023).[7]
Ossiach ist heute eine reine Fremdenverkehrsgemeinde, was es der Sommerfrische seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdankt; die Seeregion verzeichnet rund zwei Millionen Nächtigungen pro Jahr.[1][2] Neben dem Carinthischen Sommer prägt der jährliche Internationale Kunsthandwerksmarkt im August das Ortsgeschehen.[1] Das Gemeindewappen geht auf das Stiftswappen von 1434 zurück und zeigt drei Seeforellen in einem Wellenbalken – Sinnbild des Sees und seines Fischreichtums.[1][3]
21 Fischarten leben im See, darunter Reinanke (Maräne), Seeforelle, Hecht, Wels, Zander und Aal. Die Edelkrebsbestände waren 1890 die ersten in Kärnten, die von der Krebspest befallen wurden; 1972 wurde die Wandermuschel eingeschleppt.[2]
Mehrere Uferbereiche stehen seit den 1950er- bis 1970er-Jahren unter Schutz: die Naturschutzgebiete Tiebelmündung (30,5 ha), Jammernspitz, Meerspitz und die Westbucht sowie mehrere Landschaftsschutzgebiete.[2]
Die 1927 erbaute und am 4. Jänner 1928 eröffnete Kanzelbahn von Annenheim auf die 1.520 m hohe Kanzelhöhe war die erste Seilschwebebahn Kärntens und die vierte Österreichs; sie überwindet fast 1.000 Höhenmeter und hat rund vier Millionen Menschen befördert.[16]
Burg Landskron mit Adlerarena und Affenberg, das Steinhaus des Architekten Günther Domenig in Steindorf, die Finsterbach-Wasserfälle, der Familywald mit Waldachterbahn, der 25 km lange Ossiachersee-Radweg R2 und die Etappen 18–20 des Alpe-Adria-Trails.[2][7]
Als die Behörden im Jänner 2017 das Betreten der Eisfläche verboten, zeigte sich der Bodensdorfer Jurist und passionierte Eisläufer Franz Hartlieb selbst an, um das Verbot bis vor den Verfassungsgerichtshof zu bekämpfen.[2]
Der See birgt noch Weltkriegsmunition: 2021 kam in Steindorf ein 59-jähriger Magnetfischer ums Leben, als eine aus dem See geborgene Panzerfaust explodierte.[2]
Zum Gemeindegebiet gehört hoch oben das Bergweiler Tauern, das den Ossiacher Tauern ihren Namen gab – mit sechs Einwohnern dürfte es eine der kleinsten bewohnten Ortschaften Kärntens sein.[1]
Im Sommer erreicht die Wassertemperatur 24 bis 27 °C; der aktuelle Kärntner Seenbericht misst eine Sichttiefe von sechs Metern und bescheinigt den großen Badeseen eine sehr gute bis gute Wasserqualität.[6]
Alle Aufnahmen stammen aus Ossiach und der Umgebung des Sees. Klicken Sie auf ein Bild, um es in voller Größe und im Vollbildmodus zu betrachten (Navigation mit Pfeiltasten, Schließen mit Esc).